Meine Kaiserschnittnarbe – und was ich erst Jahre später darüber gelernt habe

Wasser glitzert

Ein Artikel von Ulrika W., der uns daran erinnert, wie viel Kraft im Wissen liegt. Ihre Kaiserschnitt-Erfahrung erzählt von einem Moment der Überraschung, von Schmerz und von der Entschlossenheit, Antworten zu suchen.


Am ersten Morgen nach dem Kaiserschnitt wurde ich gebeten, duschen zu gehen. Ich laufe ins Badezimmer, ziehe den Verband ab, und als ich vor der Dusche stehe, sehe ich es – ich bin getackert! Das war mein erster Gedanke.

Ich bin eigentlich nicht zimperlich, wenn es ums Blut, Wunden, Spritzen oder ähnliches geht, aber ich erinnere mich, dass mir kurz schlecht wurde, als ich mehrere ca. 3 mm dicke Metallklammern am Unterbauch gesehen habe. Warum tackern?

Ich dachte, man näht einen Kaiserschnitt? Wieso hat mir das niemand vorher gesagt? Dem Baby ging es gut und mir auch, das ist natürlich das Wichtigste, aber warum wird mir als Mutter, um deren Körper es schließlich geht, nicht vorher gesagt, dass der Schnitt nicht zugenäht, sondern getackert wird? 

Bis heute kann ich das nicht verstehen, und dass dies der Anfang meiner Narbengeschichte sein würde, wusste ich damals nicht.

Das erste Jahr mit dem zweiten Kind in einer neuen Stadt, in einem neuen Land, ohne viele Freunde und gar keine Verwandten war anstrengend genug – kurzum, Narbenpflege stand nicht hoch auf der Prioritätenliste. Außerdem hatte mir niemand spezifisch hierzu etwas gesagt. Regelmäßig eincremen und ein bisschen massieren hieß es beim Austritt aus dem Spital am 5. Tag nach der Geburt, eher beiläufig. Dass die Haut über dem Schnitt lange oder für immer etwas taub bleibt, hatte ich immerhin schon von Freundinnen gehört. Die Zeit verging, und mit ihr wuchs auch meine Narbe weiter … und weiter … und weiter. Irgendwann war es ein Auswuchs über die ganze Länge des Schnitts und sah alles andere als schön aus. Nach langer Zeit nervte es mich so sehr, dass ich zu einem plastischen Chirurgen ging, um seine Meinung dazu zu hören. Der Besuch war sehr ernüchternd. Bei einem hellen, skandinavischen Hauttyp wie meinem tendiert man eher zu einer schlechteren Narbenheilung. Aha. Ich hatte ihm damals auch zwei andere kleine Narben gezeigt (Muttermal entfernt und kleine Schnittwunde am Bein), und er meinte: Sie haben einfach eine sehr schlechte Narbenheilung. Er erklärte mir, dass mein Körper nicht verstanden hatte, wann die Wunde zugewachsen war, sondern einfach weiter neue Haut produziert hatte, die dann sozusagen in die Höhe gewachsen war.
Das Tackern nach dem Kaiserschnitt konnte er mir damit erklären, dass es einfach schneller geht und deswegen bevorzugten es die Ärzte wohl in meinem Fall. Er hat mir auch ausführlich erläutert, wie wichtig die Narbenpflege in den ersten 9 Monaten nach der OP ist. Mehrmals am Tag mit einer Creme die Narbe massieren, gerne z.B. auch viele Eier essen, da sie wohl einen Stoff enthalten, der die Narbenheilung fördert. Das Angebot von ihm: Er würde die Kaiserschnittnarbe komplett rausschneiden und dann die 3 unterliegenden Hautschichten individuell zusammennähen, so dass die Spannung kleiner ist. Mit der richtigen Pflege wäre er zuversichtlich, dass die Narbe diesmal „normal“ zusammenwachsen würde. Also, gesagt, getan – ich habe mit ihm eine Zeit für die OP vereinbart und lag fast 2 Jahre nach dem Kaiserschnitt wieder auf dem OP-Tisch. Diesmal nur mit Lokalanästhesie, und ich konnte 1 Stunde nach der OP nach Hause gehen. Es hieß dann natürlich wieder mindestens 6 Wochen lang nichts Schweres heben (sehr einfach mit 2 kleinen Kindern!), lockere Kleidung, nichts, was an der Narbe drückt, sowie am Anfang mehrmals den Verband wechseln. 

Diesmal habe ich meine Narbe ordentlich gepflegt, eingecremt und mehrere Monate lang massiert, und tatsächlich – es bleibt nur noch ein kleiner Strich. 

Der ist deutlich zu sehen, aber damit kann ich gut leben, und der sieht so aus, wie man sich eine Kaiserschnittnarbe vorstellt.
Ich bin sehr froh, dass ich mir die ganze Mühe mit einem zweiten Eingriff gemacht habe, aber während ich diese Geschichte schreibe, geht mir einiges durch den Kopf. Wieso hat mir damals niemand im Voraus erklärt, wie die Wunde zugemacht wird? Klar, Hauptsache Baby und Mama sind gesund, aber mein Kaiserschnitt war nicht spontan (Beckenendlage), sondern geplant. Es hätte also genug Zeit für ein Aufklärungsgespräch gegeben. Außerdem ... es ist offensichtlich, dass ich ein heller Hauttyp bin, wieso nimmt man nicht Rücksicht darauf und überlegt sich eventuell doch, die Narbe zuzunähen? Wieso wird einem nicht ausführlich erklärt, wie man die Narbe pflegen soll? Es hätte mir viel Zeit, Mühe und Kosten gespart, schließlich musste ich die ganze Behandlung beim plastischen Chirurgen privat zahlen.
In den letzten Jahren hat sich meine Einstellung zu Narben etwas verändert. Ich musste zwei weitere Muttermale vorsorglich entfernen, diesmal sage ich der Ärztin vorab, dass ich eine schlechte Narbenheilung habe, und bitte darum, dass die Narbe ordentlich zugenäht wird. Ich weiß auch, wie ich die Narbe pflegen soll, und im Grunde bin ich über die gute Vorsorge dankbar. Sie kann Schlimmeres verhindern, und kleine Narben sind ein kleiner Preis, den man dafür zahlt.

 


Über die Autorin: 
Ulrika W. ist Vertriebsexpertin für Premium Brands und seit vielen Jahren im internationalen Handelsumfeld unterwegs. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes machte sie eine Erfahrung, die sie weit über ihren beruflichen Alltag hinaus bewegte: eine Kaiserschnittnarbe, die sich anders entwickelte als erwartet und die sie auf eine lange, herausfordernde und schließlich empowernde Reise der Heilung führte. Ulrika hat gelernt, dass Heilung nicht von allein geschieht. Sie entsteht, wenn Wissen, Selbstfürsorge, medizinische Klarheit und die eigene Stimme zusammenfinden. Ihre Geschichte erinnert uns daran, wie wichtig es ist, informiert zu sein und Unterstützung einzufordern – gerade in Momenten, in denen man verletzlich ist. Und sie zeigt: Auch wenn eine Narbe uns prägt, definiert sie uns nicht. Manchmal ist sie nur der Anfang einer neuen Stärke.